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Was Patienten beanstanden

Geleitwort

Seit über 20 Jahren werden von den Schlichtungsstellen und Gutachterkommissionen der Ärztekammern Daten zu Arzthaftungsfällen erfasst und in einer bundesweiten statistischen Erhebung zusammengeführt. Neben dem Datenpool großer Haftpflicht- und Krankenversicherer informiert diese Bundesstatistik über die in den Begutachtungsverfahren gewonnenen wesentlichen Aspekte. Diese sind quantitativer Art wie die Zahl der festgestellten Behandlungsfehler, bezogen auf die Antrags- und Erledigungszahlen, sowie qualitativer Art wie Häufigkeit und Verteilung der Behandlungsfehler auf die einzelnen Fachgebiete und die Behandlungseinrichtungen in Krankenhaus oder Praxis.
Komplikationen nach chirurgischen Eingriffen stehen in den Häufigkeitsstatistiken an erster Stelle. Ein Patient, der sich einer Operation unterzieht, geht zu Recht davon aus, dass mit dem gezielten Eingriff in seine Körperintegrität das Therapieziel nachprüfbar erreicht wird und es ihm danach besser geht als vorher. In einem falschen Verständnis des Behandlungsvertrags, der kein Werkvertrag ist mit einem verabredeten Ergebnis, sondern ein Dienstvertrag mit einer nach Facharztstandard geschuldeten Leistung, wird ein vorauskalkulierbares Ergebnis erwartet und auch eingefordert. Eine enttäuschte Erwartungshaltung, nicht selten durch vollmundige Heilsversprechen ärztlich induziert, unbedachte Äußerungen von dem in den Behandlungsprozess involvierten Personal, Verdrängung der Wahrheit aus Furcht vor Ansehensverlust, mangelndes Einfühlungsvermögen, nicht ernst genommene Beschwerden der Patienten und Zeitmangel sind die Hauptursachen dafür, dass bei Auftreten von chirurgischen Komplikationen primär ein Fehlverhalten des behandelnden Chirurgen vermutet wird. Anders als in der konservativen Therapie erscheint es in der Chirurgie, in der bekanntlich Tat, Tatzeit, Tatort und Täter klarer zuzuordnen sind, leichter, hier einen Kausalzusammenhang herzustellen. Die Beschreitung des Klageweges mit der Unterstellung eines Kunstfehlers ist die naheliegende Folge.
Oberstes Ziel muss es deshalb sein, Komplikationen, die es in der Chirurgie immer geben wird, auf ein Mindestmaß zu reduzieren, d.h., vor allem vermeidbare unerwünschte Ereignisse durch eine systematisierte Fehlerprävention auszuschalten. Die Entwicklung einer solchen Sicherheitskultur basiert nicht nur auf der Kenntnis aller Mitarbeiter von der Methodik und ihrer Bereitschaft, diese umzusetzen. Neben der Implementierung von anonymisierten und sanktionsfreien Fehlermeldesystemen sind der offene Umgang mit Fehlern und die Bereitschaft, aus ihnen zu lernen, der entscheidende Schritt zu mehr Patientensicherheit. Dazu zählen klinikintern umfassende formelle Dokumentation, Analyse, und Berichterstattung aller Fehler, Komplikationen und „Beinahe- Fehler“ mit engmaschiger Bewertung, z.B. im Sinne einer wöchentlichen Mortalitäts- und Morbiditäts-Konferenz sowie die konsekutive Implementierung verbessernder Maßnahmen.
Der Schlüssel im optimierten Umgang mit unerwünschten Ereignissen in der Chirurgie liegt im Erkennen und Verstehen ihrer Ursachen sowie deren Wahrnehmung aus Patientensicht. Eine Schadensstatistik kann deshalb nur dann zu einer echten Fehlerprävention beitragen, wenn sie eine Datenbasis liefert, die es ermöglicht, aus den individuellen oder systembedingten Fehlern zu lernen und sie so künftig vermeiden zu helfen und die analysiert, worauf sich die Beanstandungen der Patienten beziehen .
Und genau darin liegen die Stärke und das Verdienst der von Richard Reding und Ilse Dautert unter Mitarbeit von erfahrenen Klinikern herausgegebenen Auswertung von 1200 Patientenanträgen wegen möglicher Behandlungsfehler in der Chirurgie. Über definitorische und nomenklatorische Grundlagen sowie eine deskriptive Häufigkeitserfassung und Leistungszuordnung hinausgehend werden mögliche, einen Behandlungsfehler bedingende Sorgfaltspflichtverletzungen aus nahezu allen Bereichen der Chirurgie aus Patientensicht analysiert und nach Kausalität und Konsequenz eingehend diskutiert. Der aufgearbeitete Facettenreichtum an Komplikationen, unvermeidbar oder vermeidbar, erinnert an das Gesetz des amerikanischen Ingenieurs Edward A, Murphy: „Whatever can go wrong, will go wrong“ (Alles, was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen). Das Verständnis dafür liegt darin, dass einerseits immer Menschen in irgendeiner Weise verantwortlich sind, andrerseits aber auch bestimmte Faktoren, die nicht in der Macht Einzelner stehen, mit dafür sorgen, dass etwas irgendwann (notwendigerweise) schiefgeht.
Anhand der 1200 sorgfältig aufgearbeiteten Gutachten wird sowohl Chirurgen ein Erfahrungsfundus zur Vermeidung von und zum Umgang mit eigenen Fehlern als auch informierten Patienten eine breit gefächerte Palette von Möglichkeiten angeboten, im Schadensfall kompetente Unterstützung zu erhalten. Beides ist notwendig, um zu mehr Patientensicherheit, aber auch zu einer gegenseitigen Vertrauensbildung beizutragen, wozu auch gehört, bei Juristen das Verständnis für medizinische Zusammenhänge und die Herausforderungen chirurgischen Handelns zu verstärken. Diesem gemeinsamen Ziel wird dieser Behandlungsfehlerreport aufgrund seines Ansatzes, eine Bewertung primär aus der Patientensicht vorzunehmen, in besonderer Weise gerecht.


Prof. Dr. med. Hartwig Bauer
Generalsekretär
Deutsche Gesellschaft für Chirurgie